MS-Reporter in der Badischen Zeitung [Update]

Den heutigen Artikel "Pille statt Pikser - erste Tablette gegen Multiple Sklerose" illustriert die Badische Zeitung mit einem Foto ohne Kontext, welches wir vor einigen Jahren zur Diskussion stellten.

Doch leider hat die Redaktion der Freiburger Regionalzeitung nicht gut nachgeschaut ...

Update: Der Übersetzungsfehler wurde nun korrigiert, Details nach dem Klick.

Wir schrieben:
Die australische MS-Gesellschaft startet eine Anzeigen-Kampagne mit dem Claim "When you have multiple sclerosis you never know what will expire next". Das Model trägt Stempel mit der Aufschrift "Use by:" (auf deutsch etwa: Verwendbar bis) auf verschiedenen Körperteilen. [...] Wir finden es gut, dass mit einer solchen Kampagne Aufmerksamkeit geschaffen wird. Wir finden es nicht gut, dass mit einer derart verkürzten Botschaft keine wirkliche Aufklärung geleistet wird. Auch bei schwierigen Themen scheint also das Motto zu gelten "Sex sells"?
Multiple Sklerose Reisser in der Badischen Zeitung
Sex sells: Nackte Haut zieht immer.
Genau dieses Motto nahm sich der Bildredakteur der Badischen Zeitung zu Herzen als nach einem passenden Bild zum Artikel über Multiple Sklerose-Tabletten gesucht wurde und textete kurzerhand zu diesem Foto:
Fremdbestimmt, die Körperteile used by, gebraucht durch jemand anders fühlt sich diese MS-Selbsthilfegruppe auf ihrem Plakat
Was "use by" im Kontext MS bedeutet, haben wir oben schon zitiert, und die australische MS-Gesellschaft ist bestimmt keine "Selbsthilfegruppe" mit Freude am Aktfoto.

Taugt der Artikel selbst wenigstens etwas?

Es handelt sich mehr um eine umgeformte Pressemitteilung von Novartis (Fingolimod, Gilenya), welche ja im Stellenmarkt der Freiburger Zeitung regelmäßig Inserate schalten, da Basel als Hauptsitz von Novartis nur ca. 60 km entfernt liegt:
  • "Ich vertrage Fingolimod sehr gut und hatte in den letzten Jahren auch keine Schübe mehr."
  • "das lästige Spritzen [von Interferonen] entfällt und damit neben der Übelkeit auch die häufigen, unangenehmen Entzündungsreaktionen an der Einstichstelle"
  • "Die Freiburgerin ist begeistert: "Jetzt kann ich eine Kapsel nehmen und ganz normal zur Arbeit gehen.""
Dann erfolgt ein kurzer Hinweis auf mögliche Risiken: "In den Zulassungsstudien waren zwei Patienten sogar an derartigen, schwer kontrollierbaren Virusinfektionen gestorben", bevor aber beschwichtigend geschlossen wird mit der eindeutigen Aussage der Patientin "Ich vertrage Fingolimod sehr gut und hatte in den letzten Jahren auch keine Schübe mehr.".
Na, dann Mal gute Gesundheit und gute Geschäfte!

Update 07.03.2011
Heute sendet uns ein Leser seinen Scan aus der Badischen Zeitung mit einer berichtigten Übersetzung: Badische Zeitung: So ist's richtig
Außerdem kommentiert Alexander Otto in der myelounge den Zeitungsartikel inhaltlich zynisch als "Abverkaufslyrik".

Kommentare


Na, na. Mal langsam, der Artilel ist in keinerweise durch Novartis beeinflusst, weder direkt noch indirekt und schon gar nicht durch Schaltung von Anzeigen im Blatt.
Sie zitieren Zitate. Das wird oben in Ihrem Text nicht deutlich. Die Zitate stammen von einer Studienpatientin aus Freiburg und sind authentisch. Sie sind nicht gefiltert, die Patientin äußerte sich durchweg positiv. Bei anderen Patienten, die ich in Studien kennengelernt habe, war das ähnlich.
Auf Nebenwirkungen und Langzeitsicherheit geht der Artikel nicht "kurz" ein, wie Sie schreiben, sondern ausführlich über vier Absätze.
In der Druckausgabe steht noch ein Kasten neben dem Haupttext, in dem der relativ hohe Preis von Fingolimod erwähnt wird.
Sie hätten wohl lieber einen kritischeren Text gehabt. Was fehlt Ihnen denn?

#1 16. März 2011 (Antwort)

Achim Jatkowski

Die kritische Haltung gründet auf der FDA-Empfehlung, welche die Nebenwirkungen kritisch sieht. Siehe dazu unseren Beitrag "MS-Tablette Gilenia (FTY720) kurz vor US-Zulassung, aber FDA warnt vor Nebenwirkungen".

Weiterführende Infos zur Herkunft von FTY720/Fingolimod hat übrigens die Pharmazeutische Zeitung online.

#1.1 16. März 2011 (Antwort)

Achim Schlemmer

Weder an der Auswahl des Fotos noch des Bildtextes war ich übrigens beteiligt. Ihre Kritik an beidem finde ich berechtigt.

#2 16. März 2011 (Antwort)

Achim Jatkowski

Kommentar schreiben