Buchbesprechung: Vittorio Cavini -- Mit dem Rollstuhl durch die Welt

Das hier angekündigte Buch konnten wir inzwischen lesen, teils mit Erstaunen, teils mit einem Schmunzeln.

Vittorio Cavini ist "ein cooler Typ", der sich sehr menschlich darstellt und nie über das Maß stolz auf die Leistung von ihm und seiner Frau ist. Grund genug hätte er dazu: Schließlich ist alleine die Tatsache, dass er mit Silvia seit Jahrzehnten verheiratet ist, schon genug, um stolz zu sein.
Gemeinsam mit seiner Frau und inzwischen 72 Jahren alle Kontinente der Erde (teilweise mehrfach) besucht zu haben, ist auch eine tolle Leistung.
Dabei aber stets zunächst Gehstock/Krücken, später dann aber den Rollstuhl als ständige Begleiter zu haben, ist einfach großartig!

Das Buch ist zu großen Teilen eine Sammlung von Reiseberichten, die gegen Ende mit einer drei-monatigen Weltreise ihren Höhepunkt findet. Gleichzeitig bekommen die Abschnitte über seine Frau und seine beiden Töchter immer wieder einen romanhaften Stellenwert. Skurril und nie um Mitgefühl heischend sind schließlich seine Aussagen zum Thema "Rolli-fahrender MS-Kranker auf Reisen", die nie zuviel Raum einnehmen. Da dieses Buch also einige verschiedene Erzählebenen anbietet und sich dadurch nicht einfach einordnen lässt, wollen wir eine endgültige Bewertung in Punkten nicht vornehmen. Dies würde dem Werk als Ganzes nicht gerecht werden können.

Cavini in seinem "Reiseoutfit":

Unterm Strich hat es viel Spaß gemacht und ein paar spontan ausgewählte Zitate sollen dies abschließend dokumentieren:

[S. 10: Cavinis wollen die Tempelstadt von Angkor in Kambodscha besichtigen. Im Rollstuhl schaffte es Cavini nur bis zu einem der Eingangsportale, das Innere zu besichtigen, musste er seiner Frau (und ihrer Kamera) alleine überlassen.]
So saß ich nun im Schatten einiger Säulen, von denen nicht ganz klar war, warum sie nicht längst umgestürzt waren, und wartete darauf, dass Silvia zurückkehrte.
An kurzes und längeres Warten bin ich gewöhnt. Auch zu Hause, wenn ich Silvia mit dem Auto zu Einkaufen fahre, bleibe ich ruhig und warte. Manchmal vertreibe ich mir die Zeit mit einem Spiel. Ich betrachte die Kennzeichen der vorbeifahrenden Autos.
[S. 95: Vittorio Cavini sitzt bei seinem Neurologen und plaudert mit ihm über Afrika und Reisen.]
Irgendwann nachdam wir uns wieder einmal sehr lange mit Afrika beschäftigt hatten, sagte er plötzlich: "Ihre Zukunft ist der Rollstuhl."
Vor mir auf dem Tisch lag der Brieföffner. Ich überlegte, ob ich ihn damit niederstechen sollte. Aber ich blieb äußerlich ganz ruhig, und sagte, dass ich das längst gewusst hätte. Von wegen gewusst! Und wenn, dann habe ich derlei Gedanken in den hintersten Winkel meines Gedächtnisses verdrängt.
Der Rollstuhl war für mich gleichbedeutend mit einer entscheidenden Niederlage. Mein ganz persönliches Waterloo.
[S. 262: Cavini möchte eine Dürer-Ausstellung besuchen.]
Wir sind natürlich hin, und ich muss sagen, es war eine grandiose Ausstellung. Ich habe halt immer den Nachteil, die Bilder im Sitzen aus der Froschperpektive zu sehen. Aber das ist immer noch besser, als ganz darauf zu verzichten. In solchen Fällen müsste ich einfach so weit wie möglich von den Bildern entfernt bleiben, aber dann sehe ich meistens -- und in diesem Fall war es so -- nur die Rückseiten wildfremder Menschen, die mich schon überhaupt nicht interessierten.
Die besondere Bedeutung, die eine glückliche Beziehung für einen MS-Kranken hat, verdeutlicht Cavini mit der Schilderung, dass er auch mit über 70 Jahren noch verborgene Seiten an seiner Frau erfährt. Sie schreibt nämlich ab und zu Gedichte [S. 91f]:
Das Ziel ist nicht wichtig.
Der Weg ist das Ziel.
Auf das Wie kommt's nicht an,
Aufbrechen muss man. [...]
Wir verstehen uns ohne Worte,
wir plaudern,
sind zusammen.
Nur wir zwei,
auf unserem Weg.[...]

... du kommst mir entgegen,
aufrecht.
Schleppenden Schrittes,
aber aufrecht.
Weil du mein Held bist.
Im Anhang fasst der Autor noch einige praktische Tipps und Hinweise für Behinderte auf Reisen zusammen und nennt Adressen und URLs.

Der Erlös des Buchs fließt der Multiple Sklerose Vereinigung Südtirol zu, Cavini verzichtet auf Tantiemen.

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