Viagra verringert MS-Symptome drastisch im Tiermodell

Viagra bei Multiple Sklerose?    Bild von Wikimedia Commons

Mit etwas Ironie könnte man die derzeitige Nachrichtenlage als "reizvoll" für ausreichend aufgeschlossene Multiple Sklerose-PatientInnen verstehen. Zwar immer noch keine Heilung oder nur ein tiefer gehendes Verständnis in Sicht, aber die symptomatisch wirksamen Therapieoptionen versprechen interessante Entwicklungen.

Zuerst hat der deutsche Bundestag das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) zumindest so weit geöffnet, dass das THC-haltige Sativex von Almirall (über das wir im Zuge der UK-Zulassung berichteten) genau hindurchpasst und nun gibt ein Forschungsteam von der Universitat Autònoma de Barcelona in Spanien bekannt, dass es gelungen sei, 50% der Tiere innerhalb von nur acht Tagen symptomfrei zu bekommen.


Ein Forscherteam vom UAB Institut für Biotechnologie und Biomedizin unter der Leitung von Dr. Agustina García hat in Zusammenarbeit mit einem Forschungsteam von Dr. Juan Hidalgo von der UAB Institut für Neurowissenschaften die Effekte einer Behandlung mit Sildenafil, unter dem Markennamen "Viagra" apotheken- und verschreibungspflichtig erhältlich, in einem Tiermodell der Multiplen Sklerose (Experimentelle autoimmune Enzephalomyelitis, EAE) untersucht. Die Forscher zeigten, dass eine tägliche Behandlung mit Sildenafil nach Krankheitsbeginn schnell die klinische Symptome reduziert hat, eine praktisch vollständige Genesung sei in 50% der Fälle nach acht Tagen der Behandlung festzustellen gewesen. Die Wissenschaftler beobachteten, wie das Medikament die Infiltration von Entzündungszellen in der weißen Substanz des Rückenmarks reduziert, wodurch Schäden an den Nervenzellen der Axone vermieden und die Myelinreparatur erleichtert wurde. (Eigene Übersetzung)

Veröffentlicht wurden die Ergebnisse in ACTA NEUROPATHOLOGICA (2011) 121:499-508.

Mit Viagra war die Hälfte nach 8 Tagen symptomfrei
Dadurch, dass umfängliche Erfahrungen mit Slidenafil/Viagra vorliegen, sind sich die Forschungsteams sicher, dass klinische Studien nicht mehr lange auf sich warten lassen werden.

Zm Abschluss noch ein Erklärung aus der Wikipedia zur primären Wirkungsweise von Slidenafil:
Als Resultat wird beim Einsatz von Sildenafil eine normale sexuelle Stimulation zu erhöhten Blutspiegeln von cGMP im Corpus cavernosum und damit zu einer verstärkten Erektion führen. Ohne eine sexuelle Stimulation und Aktivierung des NO/cGMP-Systems löst Sildenafil keine Erektion aus.
(Wikipedia: Slidenafil - Wirkmechanismus)
Die Sorge vor ständigen Peinlichkeiten ist für männliche Patienten also unbegründet, eher sollte man vor voreiligen Selbstversuchen die Risiken dieses Medikaments ernst nehmen und Slidenafil nicht als Lifestyle-Medikament mißverstehen. Auch wenn die Versuchung groß ist, wie ein Kommentator auf einer US-amerikanischen Webseite schreibt:
I have a friend with MS and there's no way they will be waiting years for the clinical trials. Try it now!
("Ich habe nen Freund mit MS und auf keinen Fall werden die jahrelang auf Studien warten. Versuch's jetzt!"

Das können wir Multiple Sklerose-PatientInnen angesichts der Beschaffungssituation, Preisen und der gesundheitlichen Risiken nicht raten, aber versprechen, bei diesem spannenden Thema weiterhin am Ball zu bleiben. Vielleicht zahlen später ja mal die Krankenkassen.

Kommentare


(Vorbemerkung: Bei meinen Ausführungen spielt es keinerlei Rolle, dass es sich um ein Potenzmittel handelt. Ich argumentiere also nicht aus der profanen "hihihi, einen Steifen und dann auch noch geheilt"-Perspektive.)

Also ich möchte hier niemanden auffordern, aber das hier SCHREIT doch nach kontrollierten, vorsichtigen Selbstversuchen. Man betrachte die im Beitrag oben verlinkten Sildenafil-Nebenwirkungen oder den Beipackzettel von Viagra 100mg - dort steht u.a.:
Eine Dosis von mehr als 100 mg erhöht die Wirksamkeit nicht, jedoch werden die Nebenwirkungen häufiger auftreten und schwerwiegender sein.
Das heißt doch andersrum: Wenn man mit sehr niedrigen Dosierungen experimentiert, verringert man die Wahrscheinlichkeit, dass Nebenwirkungen auftreten.

Als Nebenwirkungen werden (neben aus meiner Sicht unproblematischen Dingen wie Kopfschmerzen usw.) genannt
Eine teilweise, plötzliche, vorübergehende oder anhaltende Verschlechterung oder ein Verlust der Sehkraft auf einem oder beiden Augen wurde berichtet. Über übermäßig lang anhaltende und manchmal schmerzhafte Erektionen wurde nach der Einnahme von VIAGRA berichtet. Wenn Sie eine derartige, mehr als 4 Stunden andauernde Erektion haben, sollten Sie umgehend einen Arzt zu Rate ziehen.
Ebenso wurden folgende Ereignisse berichtet: Bluthochdruck, niedriger Blutdruck, Ohnmacht, Schlaganfälle, Herzrhythmusstörungen, Brustschmerzen, plötzliche Todesfälle, Herzinfarkte oder vorübergehende Durchblutungsstörungen des Gehirns. Die meisten, aber nicht alle dieser Männer wiesen vor Einnahme dieses Arzneimittels Herzerkrankungen auf. Es ist nicht möglich zu beurteilen, ob diese Ereignisse in direktem Zusammenhang mit VIAGRA standen.


Eigenartigerweise sind die Nebenwirkungen auf diesem Beipackzettel nicht in "häufig", "selten", "sehr selten" usw. eingeteilt, was einen Rückschluss auf die statistische Wahrscheinlichkeit zuließe.
Im schlimmsten Fall wird man also (meine Interpretation): schlechtsichtig, blind, man stirbt, hat einen Herzinfarkt oder einen Gehirnkollaps. Ich nehme an, dass diese Nebenwirkungen äußerst selten auftreten - wenn man das zweite Mal von einem Todesfall erfahren würde, der definitiv auf Viagra zurückgeht, dürfte das das sofortige Aus des Medikaments bedeuten. Man lese sich die Nebenwirkungen von Ritalin durch - die sind um Meilen heftiger und das Zeug wird hunderttausendfach an Kinder verabreicht.

Ich fasse zusammen: Die Nebenwirkungen sind aus meiner Sicht absolut vertretbar (man kann ja vorher den Arzt fragen), das Medikament ist überall erhältlich und bezahlbar und es ist ein neuer Schub (hrmpf) Hoffnung. Ich würde meinen Arzt fragen und sofort mit einer niedrigen Dosis, die mir der Arzt empfiehlt, beginnen.

#1 22. Mai 2011 (Antwort)

stephan@spamschlucker.org

Lese im Moment interessiert den Beitrag über Viagra Bei MS. Völlig unklar bleibt ob dies auch eine Möglichkeit für weibliche Erkrankte bedeutet. Würde mich über mehr Info freuen

ChristianeReudenbach

#1.1 8. Juli 2011 (Antwort)

Christiane Reudenbach

es gibt doch sicher viele männer mit ms, die bereits viagra bekamen.
hat diese normale erktionsdosis bei ihnen etwas gebracht oder war die mäusedosis viel höher?
wenn sie viel -in relation - höher war, dann wären die risiken wieder fraglich groß.
wer outet sich und berichtet von seiner wunderheilung?

#2 5. März 2012 (Antwort)

Arno

Hi Arno,
keine Wunderheilung bei 50mg täglich über ein paar Tage, aber immerhin die Primärwirkung war da. Mehr als ein paar Tage dauerte der Selbstversuch aber nicht.
Insofern müsste das durchaus noch weiterverfolgt werden ...
Gruß,
Achim

#2.1 5. März 2012 (Antwort)

Achim Schlemmer

also ich bekomme von meinem neurologen schon länger viagra verschrieben.
ich könnte nicht von einer besserung sprechen. hatte vor 2 monaten erneut einen schub.

#2.2 1. Mai 2015 (Antwort)

frank

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