Mein Dämon ist ein Stubenhocker von Max Dorner. Buchbesprechung.

Cover von 'Mein Dämon ist ein Stubenhocker', Tagebuch eines an MS (Multipler Sklerose) ErkranktenWeder der Titel "Mein Dämon ist ein Stubenhocker" noch der Untertitel "Aus dem Tagebuch eines Behinderten" sind unserer Meinung nach für dieses Buch glücklich gewählt. Wahrscheinlich haben die Marketingabteilung des Verlags und die Lektoren hier kräftig mitgemischt.

Trotzdem lohnt ein genauerer Blick auf das Innere dieser Essay-Sammlung im Tagebuch-Stil.

Der Autor Max Dorner hat das Schreiben gelernt und hat sein Schicksal, durch Multiple Sklerose behindert zu sein, mit seinem Beruf verbunden -- so entstand das Büchlein "Mein Dämon ist ein Stubenhocker".
Mein ganzes Gehirn wie Bagdad.
Eins seiner Vorbilder war offensichtlich Silvia Bovenschen's "Älter werden" (MS-Reporter Buch-Tipp), das er auch am Ende als Einfluss nennt. Während Bovenschen mit ihren scheinbar schlichten Worten eine große Aussagekraft erreicht, punktet Max Dorner mit der Dynamik seines jugendliches Alters (34) in den starken Passagen: Wo Bovenschen manchmal resigniert klingt, lodert bei Dorner immer wieder eine starke Willens- und Kampfkraft auf, so z.B. als er beschreibt, wie er seinen SBA beantragt
Mein Ehrgeiz, bei den Behinderten ganz vorne mit dabei zu sein, nervt mich. Erst über 50 [%] gilt man als so richtig behindert. Alles darunter ist für Anfänger ... Also korrigiere ich meinen Antrag von siebzig auf achtzig Prozent hoch. [18]
Der schonungslose Blick auf sein Umfeld lässt manche glauben, auch "irgendwie dazu zu gehören":
Meine ganz persönlichen Handicap-Favoriten:
Christian handicapt sich selbst, indem er nie Zeit hat. [...]
Julia handicapt sich selbst mit dem festen Glauben, dass an allem, was bei der Arbeit schiefläuft sie die Verantwortung trägt. [...]
Wenn man genau hinsieht, gibt es niemanden ohne.
Und immer wieder beschäftigt den Autor der Umstand behindert zu sein und was dies bedeutet:
Es gibt keine Objektivität bei der Zumessung von Behinderung, weil sie untrennbar an die jeweilige Lebenssituation gebunden ist. Solang ich vor meinem Laptop hocke, bin ich nicht behindert, sobald ich aufstehe, schon. [15]
Und doch ist es das Tagebuch eines MS-Kranken, der seine Diagnose schreibend bewältigt:
[...] was das heißt: lebenslänglich. Wohin mit der Wut, dem Zorn? Später, morgen, will ich Erbarmen mit mir haben. Heute hasse ich die Entzündungen in meinem Kopf. Mein ganzes Gehirn wie Bagdad. Doch auch ich könnte mit einem Anschlag für Ruhe sorgen. Mir das nicht bieten lassen.
Aber der Tod ist keine Alternative, mit leisem Bedauern wird es mir bewusst. Das Leben muss man mit Anstand bewältigen. Und es ist wahrscheinlich langweiliger, ewig tot als vierzig Jahre behindert zu sein. [27]
Diese Prägnanz hält der Autor Max Dorner zwar nicht über die gesamten gut 160 Seiten hinweg durch, doch immer wieder blitzen messerscharfe Erkenntnisse auf, wie sie kaum besser forumliert werden könnten. "Mein Dämon ist ein Stubenhocker" ist phasenweisen ein Feuerwerk und für MS-Kranke in anfänglichen oder mittelmäßig fortgeschrittenen Stadien sowie deren Angehörige ein absolutes Muss im MS-Bücherregal, da Max Dorner meist genau den richtigen Ton trifft zwischen Unterhaltung und Philosophie.

Eine persönliche Anmerkung zum Schluss: Wenn er schreibt, dass er sich "keinem Kind zumuten" möchte, dass er als Patenonkel, "aber nicht als Vater" tauge und schließlich fragt "Oder bin ich nur zu feige?" möchte man ihm ein lautes "JAA!" entgegen schmettern.
Tu' es, Max!

Kommentare


Ich habe dieses Buch gelesen und war gefesselt vom Witz und Humor, den sich Max Dorner trotz seiner schweren Erkrankung nicht nehmen liess und lässt - ich wünsche ihm auf seinem weiteren Weg mit der Krankheit nur das allerbeste !!!

Ich glaube, dass er mit seinem Buch vielen Kranken Mut macht und auch solche, die nur dahinvegetieren zum schmunzeln bringen kann.

#1 6. Juni 2008 (Antwort)

Martin Erler

Kommentar schreiben